Bauchgefühl = Intuition? Was ist eigentlich ein freier Zugang zu unserem Bauchgefühl und was meinen wir, wenn wir von Bauchgefühl sprechen?© Jalees & Smith | fotolia.com

Bauchgefühl = Intuition? Was ist eigentlich ein freier Zugang zu unserem Bauchgefühl und was meinen wir, wenn wir von Bauchgefühl sprechen?

Jeder verbindet sofort etwas mit diesem Begriff, denn schließlich fungiert unser Bauchgefühl als Wohlfühlbarometer, das uns übermittelt, ob wir uns in einer sicheren, einer eher unberechenbaren oder gar gefährlichen Situation befinden. Diese Einschätzung ist bereits das Ergebnis der Bewertung unserer Sinne und würde im Falle von Gefahr automatisch eine ‚Fight-or-Flight‘-Reaktion einleiten, ausgelöst vom ältesten Teil unseres Gehirns – dem Stammhirn.

Bauch- und Kopfhirn sind in ständigem Kontakt. Die Forschung spricht sogar davon, dass das Bauchhirn (englisch auch „second brain“ genannt) eigentlich eine Kopie des Gehirns ist, da die Zelltypen und Rezeptoren des Magen/Darm-Traktes identisch mit denen des Gehirns seien. Es wird vermutet, dass das Selbstwertgefühl eines Menschen stark durch das Bauchhirn bestimmt wird. Dies wird verständlich, wenn wir uns vergegenwärtigen, welch eine tragende Rolle die Nahrungsaufnahme und die damit verbundene Zuwendung für das Sicherheits- und Wohlgefühl eines Kindes spielt. Diesen fundamentalen Eindruck speichert es mittels seines Bauchgefühls. Was nun in die positive Richtung (gesättigt und zufrieden sein) zutrifft, funktioniert natürlich auch anders herum. Wer kennt nicht das Unwohlgefühl im Bauch, den Magendruck oder ähnliches vor Prüfungen oder in anderen stressigen Situationen. Man geht von einer Erinnerungsfähigkeit des Bauchhirns aus, die vom Organismus genutzt wird, auf Entscheidungen einzuwirken. Dies nennt man zumeist Intuition. Doch leider handelt es sich hier in vielen Fällen um einen fatalen Irrtum, denn es ist nicht unsere Intuition, die an dieser Stelle spricht, sondern eine konditionierte Ebene, die bestenfalls als eine Art Ersatz dient, solange die darunterliegende, tiefere Schicht der Intuition, sprich der direkte Zugang zu unserem Sein, noch nicht erfahrbar wurde.

In vielen Traditionen (Tai-Chi, Qi-Gong etc.) spricht man davon, dass unser energetisches Zentrum im Bauchraum angesiedelt ist. Durch gezielte Übungen, Kontemplationen und Meditationen soll dieses Zentrum bewusst und „erfahrbar“ gemacht werden. Mittels der dadurch gewonnenen inneren Zentrierung und Sammlung kann der Übende Stück für Stück immer präziser zwischen konditionierter Erfahrung und tatsächlicher Intuition unterscheiden. Häufig benutzt unsere Intuition zu Beginn unseres Reifungsprozesses durchaus auch durch Konditionierung entstandene Gefühle, um sich bemerkbar zu machen. Der Prozess gestaltet sich dann immer subtiler und feinsinniger, bis sich unsere innere Stimme schließlich immer unmittelbarer auch ohne Konditionierungen übermittelt.

Dann besteht keine Trennung mehr zwischen Gehirn und Bauchhirn. Nun kann es wieder als ein einziger Klang wahrgenommen werden, der beide Bewusstseinsebenen in uns verbindet. Hier gibt es kein richtig oder falsch, sondern einen zutiefst persönlichen Weg, denn hinter jeder Konditionierung liegt das kreative Weisheitspotential eines jeden einzelnen (dies ist im tieferen Sinn Karma), das sowohl in seiner Soheit als auch in seinem individuellen Zugang zur Weisheit einmalig ist und nie getrennt ist von der formlosen Essenz.

Formlos deshalb, weil es zur tatsächlichen Lösung von allen störenden Konditionierungen nur kommt, wenn sie auf bedingungslos liebendes, schöpferisches Sein treffen und nicht doch in „gehobenen“ Formen religiöser oder anders gearteten Strukturen erhalten bleiben und letztlich dadurch nur zementiert werden. Was in spirituellen Kreisen häufig unwissend als Ego verpönt, disqualifiziert und/oder vernachlässigt wird, erweist sich, differenziert betrachtet, immer mehr als einzigartiger Zugang zur formlosen Essenz in all ihrem Reichtum.

Ruth Scholtz
Spiritueller Coach / Beraterin
0511-331412
www.ruthscholtz.de