Die Kunst loszulassen und neu zu erblühen

Als ich mich vor vielen Jahren auf meine eigene Heilungsreise begab, war dies die Botschaft: Lass los! Alles loslassen – theoretisch leuchtete mir das sofort ein, aber es tatsächlich umzusetzen war absolut nicht leicht und war und ist ein langer Prozess. Und am schwersten war es für mich meinen Schmerz, meine tiefsten Verletzungen und Kränkungen loszulassen! Obwohl mir klar war, dass dieser unerledigte emotionale Ballast negative Auswirkungen auf mein gesamtes Sein hatte, konnte ich mich lange nicht von den Erinnerungen an diese Kränkungen trennen.

Weshalb wollen wir nicht loslassen und diese Last abwerfen? Weshalb wollen wir dem anderen nicht verzeihen und uns mit unseren Eltern, Geschwistern, Partnern, Freunden oder dem Schicksal aussöhnen?

Wenn wir negative Erfahrungen nicht loslassen, wollen wir unser Gegenüber für sein Verhalten belehren und bestrafen. Indem wir die Wunde in uns erhalten, wollen wir zeigen, wie stark er uns gekränkt hat.

Ob der andere unsere Verletzung überhaupt bemerkt, seinen Fehler einsieht, und dann auch noch um Entschuldigung bittet oder Wiedergutmachung leistet, ist fraglich. Meist bleiben wir mit unserer Kränkung, unserem Groll allein zurück und richten je nach Persönlichkeitsstruktur den unerträglichen Herzschmerz entweder gegen uns selbst, werden verbittert und leiden still oder tragen unseren Schmerz und Hass lauthals in die Welt hinaus. Hassen alle und jeden, sind giftig und aggressiv. Beide Verhaltensweisen treffen letztlich nur uns selbst und halten uns in der Opferrolle.

Jedem wurden im Laufe des Lebens Wunden zugefügt. Wir alle sind zurückgewiesen, verletzt, enttäuscht, gedemütigt oder betrogen worden. All das hat zu bestimmten Einstellungen und Glaubenssätzen geführt, die wir für uns übernommen haben. Wir sehen uns und unsere Welt durch eine Brille „transparenter Überzeugungen“ hindurch. Diese beeinflussen die Wahrnehmung unserer Möglichkeiten und Fähigkeiten genauso stark, wie es unsere bewussten Überzeugungen tun. Der Unterschied ist nur, dass wir nicht bemerken, wie sich diese „transparenten Überzeugungen“ oder „selbsterfüllenden Prophezeihungen“ auf uns selbst auswirken.

Der Blick zurück ist wichtig, um solche Muster und Glaubenssätzen zu erkennen und herauszufinden, warum wir so sind wie wir sind. Erlauben wir uns, Mitgefühl mit uns selbst zu haben, wenn es uns schlecht ergangen ist. Das ist wichtig und vollkommen in Ordnung. Doch nachdem wir anerkannt haben, was war und was ist, geht es darum, eigenverantwortlich im Heute zu sein. Heute für uns selbst zu sorgen, damit wir jetzt ein selbstbestimmtes und selbstbewusstes Leben führen können.
Körper, Gedanken und Gefühle bewusst wahrzunehmen, sich selbst hinterfragen: Wer bin ich wirklich? Was quält mich? Und woher rührt dieser Schmerz? Könnte ich dieses Gefühl akzeptieren – nur für einen Moment? Könnte ich dieses Gefühl loslassen – nur für einen Moment?

Geduldige Bewusstseinsarbeit half mir, schließlich mit dem Kern meines Seins, aber auch mit meinen alten Wunden in Kontakt zu kommen, meinen Schmerz loszulassen und durch achtsame Begleitung Heilung zu erfahren. Selbsterfahrung führte über Selbsterkenntnis zu Verständnis und Mitgefühl für mich und andere.

Die Transformation, die ich auf diesem Weg selbst erlebte, war meine Motivation, mich in mehreren Therapieformen ausbilden zu lassen und sie später auch zu unterrichten. Ich erlebe meine Arbeit heute als beglückendes Geschenk: In einer Atmosphäre der Stille kreiere ich für mich und meine Patientinnen Raum für tiefe Entspannung, Bewusstwerden, Verständnis, Achtsamkeit und Heilung.

Indem wir achtsame Stille in unser Leben einladen, lernen wir Abstand zu heftigen, überwältigenden Gefühlen und Gedanken zu gewinnen. Wir schauen wie von einem hohen Berg hinunter auf das Treiben im Tal. Wir werden zum Beobachter. Wir können wahrnehmen, wie wiederkehrende ähnliche Impulse und Situationen fast automatisch ablaufende Reaktionen bei uns auslösen. Wenn wir dies mit den Augen des Beobachters erkennen, erwachsen uns mehr und mehr Wahlmöglichkeiten für unser Handeln.

Die schmerzhaften Gefühle der ursprünglichen Situation wahrzunehmen und zum Beispiel dem verletzten „Inneren Kind“ in uns Aufmerksamkeit, Verständnis und Liebe zu schenken, hilft uns, auf heute erlebte Situationen mit mehr Gelassenheit zu reagieren und alte Kränkungen schrittweise loszulassen.

Und aus erhöhter Achtsamkeit erblüht mehr Selbst-Bewusst-Sein, innere Stille, Gelassenheit und Wohlbefinden, zu verbesserter Lebensqualität, verringerten Symptomen, Stressreduktion und besserer Gesundheit; so entwickelt sich über die ständige Übung des Loslassens schließlich ein glücklicheres Lebensgefühl und echter Seelenfrieden.

Shanti J.Hoff
Dipl. Soz. Pädagogin | Heilpraktikerin für Psychotherapie
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